Äpfel und Dirnen

Die Kleinstadt Kindelbrück erlebt die schlimmste Mordserie ihrer Geschichte – gleich drei Leichen werden in dem sonst so ruhigen Städtchen im Thüringer Becken entdeckt. Das Kuriose: Die Toten stammen allesamt aus dem verfeindeten Nachbarort Bilzingsleben, sind splitternackt – und ihre Mägen mit Apfelsaft gefüllt. Die Kommissare Bernsen und Kohlschuetter glauben zunächst an einen verrückten Serientäter mit Vorliebe für Fruchtsäfte. Doch die Wahrheit erweist sich als weitaus pikanter …

Ermittlungen auf schlüpfrigen Pfaden. Ein politisch unkorrekter Ost­West­Krimi mit Humor und viel Thüringer Patriotismus.


Thüringen Krimi

Gebundenes Buch € 11,90
ISBN 978-3-7408-0043-7

E-Book € 9,49
ISBN 978-3-7408-0043-7


»Fallen Sie bloß nicht rein. Da kommen Sie nie wieder heraus. Das Gründelsloch verschluckt sie alle. Die Strudel ziehen sie nach unten.«

»Na, den hier haben die Strudel dann offensichtlich wieder ausgespuckt«, japste Bernsen, der sichtlich Mühe hatte, die Leiche in die Nähe des Beamten zu manövrieren.

»Ja, aber mausetot.«


Leseprobe

»Spring!« Edelgards Stimme überschlug sich, so ungeduldig war sie.

Er starrte in das tiefdunkle Wasser des Gründelsloches. Der Vollmond spiegelte sich in der Oberfläche, nur gebrochen durch die dunklen Schatten der hohen alten Bäume, die die Quelle säumten.
Wie schwarze, knochige Gestalten lagen ihre Konturen auf dem Wasser. Regungslos. Nur ab und zu bewegte sich etwas dazwischen.
Es war Edelgards Umriss, der sich wie ein Riese über seinen gelegt hatte. In der Nähe plätscherte monoton der Gründelsbach. So aggressiv hatte er das Geräusch überhaupt nicht in Erinnerung. Ansonsten war kein Laut zu hören.
Er wagte es nicht, sich zu bewegen. Edelgard noch mehr in Rage zu bringen, könnte böse enden. Sie kannte kein Erbarmen, das wusste er. Doch wie er aus der Nummer hier rauskommen sollte, ohne sein Gesicht zu verlieren, war ihm schleierhaft. Zehn Grad sollte das Wasser haben, sommers wie winters. Das hatte er schon in der Schule gelernt. Damit wäre es immerhin deutlich wärmer als die Minusgrade, bei denen er gerade nur mit seiner Unterhose bekleidet am Ufer der Quelle kniete. Dabei könnte er jetzt gemütlich zu Hause auf seiner Couch liegen.
Das tat er an Weihnachten doch immer. Mit einem anständigen Bierchen und einer Packung Mon Cheri. Seit fünfundzwanzig Jahren lag die für ihn unter dem Weihnachtsbaum.
Auf seine Frau konnte man sich eben verlassen. Auf ihre vehemente sexuelle Verweigerung leider auch.


Schauplätze

Kindelbrück

Kindelbrück, vermutlich als kleine Brückensiedlung über den Fluss Wipper gegründet und danach benannt, hat seit 1291 Stadtrecht. Die Spuren der einstigen wohlhabenden Ackerbürgersstadt, die im Mittelalter strategisch günstig an einer von Erfurt kommenden Handelsstraße lag, lassen sich heute noch sehr gut erkennen. Über die Stadtmauern hinaus bekannt wurde der Ort durch die seit 1911 bestehende Kofferfabrik. Bis Anfang der 1990er Jahre kam aus Kindelbrück das Reisegepäck für die halbe Welt. Der im Buch erwähnte Investor sowie das beschriebene Foto gab es wirklich.
www.vg-kindelbrueck.de

Rathaus

Schon von weitem sieht man das markante Gebäude, das nach dem großen Stadtbrand von 1582 in seiner heutigen Form errichtet wurde. Mit ihrem Rathausturm hatten sich die Kindelbrücker Bürger etwas Zeit gelassen, er wurde 1589 inklusive des Uhrwerkes angebaut. Der Greußener Uhrmachermeister König hatte sich dafür etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Ein Figurenautomat mit Sensenmann und Mondkugel. Die Freude der Kindelbrücker an ihrer außergewöhnlichen Uhr währte jedoch nur bis 1771. Ein erneuter Brand vernichtete nahezu den gesamten Ort. Doch die Kindelbrücker sind zäh und ohne ihre Rathausuhr eben keine vollständigen Kindelbrücker. Deswegen wurde 1789 nachgerüstet und nach dem Vorbild der alten Uhr jene gebaut, die heute noch zu sehen ist.

St. Ulrich Kirche

St. Ulrich, die einstige Marktkirche zu Kindelbrück, befindet sich kaum einen Steinwurf von dem historischen Rathaus entfernt. Ihre Entstehung soll auf das Jahr 1440 zurückgehen, ihr heutiges Erscheinungsbild stammt aus den Jahren um 1780. St. Ulrich hat die DDR-Zeit nicht unbeschadet überstanden. Doch eine engagierte Kirchengemeinde kümmert sich um die Sanierung des Gotteshauses. Natürlich steht die im Buch erwähnte Truhe am beschriebenen Platz und auch das Altarbild des Weißenseer Meisters ist zu finden…
Der Maler: www.peter-albach.de | Das Modell: www.creativladen.com/floristik

Gründelsloch

Thüringens stärkste Quelle findet man nicht etwa irgendwo auf den Höhenzügen des Thüringer Waldes, sondern in Kindelbrück. Aus dem Gründelsloch sprudelt das Wasser seit 1611 – bis heute ununterbrochen. Das extrem kalkhaltige und zudem eiskalte Wasser zeigt Sommer wie Winter eine wunderschöne blau-türkis-grüne Farbe und macht diese Quelle zu einem der geheimnisvollsten Orte Thüringens. In Kindelbrück weiß übrigens jeder, dass der Klapperstorch hieraus die kleinen Jungen holt.

Kindelbrücker Obstbau

Wenn Sie jetzt gerade in einen Apfel, eine Kirsche oder eine leckere Erdbeere beißen, dann könnte sie aus Kindelbrück stammen. Der Obstbau hat dort seit über vierzig Jahren Tradition, noch dazu eine sehr schmackhafte. Ich fand dies so eindrucksvoll, dass ich dem Obstbau ein eigenes Kapitel gewidmet habe. Und eine Leiche, aber die ist komplett erfunden. Alles andere ist die Wahrheit und musste einfach einmal gesagt werden.
www.kindelbruecker-obstbau.de

Bilzingsleben

Sie kennen das kleine Dörfchen Bilzingsleben im Thüringer Becken nicht? Dann wird es aber Zeit. Denn Bilzingsleben ist mit seinen siebenhundert Einwohnern eine der Wiegen der Menschheit. Doch dazu später. Ein gewisser „Bulzo“ soll die Siedlung am Fuße des Flüsschens Wipper gegründet habe. Seit 1174 ist der Ort als Stammsitz des ansässigen Adelsgeschlechtes von Bültzingslöwen urkundlich belegt. Bekannt war er zu dieser Zeit wahrscheinlich durch die umliegenden Travertinsteinbrüche. Doch der Abbau ist lange Geschichte. Was die Bilzingslebener seit 1710 dort entdecken durften, lässt die gesamte Archäologenwelt staunen.
www.bilzingsleben.de

Steinrinne

Feuersteinartefakte, Knochen, Geweihe, Holz, Skelettreste von Großsäugern, Fossilien von Weichtieren, Muschelkrebsen, Kleinwirbeltieren, Blütenpollen und Abdrücke von Pflanzen – kurz und gut, die gesamten Reste einer urmenschlichen Siedlungsstätte haben unter einer sechs Meter starken Travertindecke die Zeiten überdauert. Ab 1969 wurde der Steinbruch „Steinrinne“ zum offiziellen Ausgrabungsort. Und nur ein paar Jahre später zur archäologischen Sensation: Die Überreste eines Urmenschen konnten zu Tage befördert werden. Der homo erectus bilzingslebenensis war geboren.
www.steinrinne-bilzingsleben.com

Landhotel Altes Pfarrhaus

Ein so spektakulärer Fund benötigte nicht nur eine entsprechende Ausstellungshalle, sondern natürlich auch eine angemessene Bleibe für alle aus Nah und Fern anreisenden Geschichtsinteressierten. Seit 2013 bietet diese das Landhotel, dass – wie der Name schon sagt – im Alten Pfarrhaus zu finden ist. Die Sauna des Hotels spielt im Buch eine entscheidende Rolle und das ausgezeichnete Frühstück auch, für Kommissar Bernsen zumindest.
www.landhotel-bilzingsleben.de

Waldgaststätte Cleric

Die Waldgaststätte mit ihrem eigenen Forellenteich ist das Paradies für alle, die nach einem ausgezeichneten Essen in unberührter Natur suchen. Seit 1928 gibt es in der ehemaligen Teichholzmühle eine kleine Gastwirtschaft, die nach einer zur DDR-Zeit zwangsverordneten Pause wieder ihre Türen geöffnet hat. Die angebotenen Forellen stammen aus dem angrenzenden Teich, alle übrigen Produkte, soweit das möglich ist, aus der Region.
www.waldgaststätte-bilzingsleben.de | Speisekarte

Weihnachtsmannlauf

Seit 2004 rennen die Weihnachtsmänner zwischen Bilzingslebener Bürgerhaus und Steinrinne für einen guten Zweck um die Wette. Die Startgelder kommen der Aktion „Thüringen sagt Ja zu Kindern“ zugute. Und weil Bilzingsleben damit thüringenweit Bekanntheit erlangt hat, hat der Weihnachtsmann dort ein über drei Meter hohes Denkmal bekommen.

Tour de Frömmschdt

Der Radwandertag bringt hunderte Radbegeisterte seit 2005 einmal im Jahr zusammen und lässt sie durch die schöne Landschaft des Thüringer Beckens fahren. Ins Leben gerufen, wurde diese Tour durch die Bäckerei Bergmann aus Frömmstedt. Kommissar Kohlschuetter durfte das Radspektakel erleben, Bernsen hingegen, naja, lesen Sie selbst…
http://www.tour-de-froemmschdt.de

Fotos: Jörg Ropers (bis auf St. Ulrich Kirche)


Die Autorin über ihr Buch

Julia Bruns, Ihr neuer Krimi „Äpfel und Dirnen“ ist da. Worum geht’s dieses Mal? Der Titel lässt ja Sex & Crime vermuten…

Allerdings. Ein bisschen „Shades of Grey“ im Thüringer Becken, genauer gesagt in Kindelbrück. Dort nämlich werden drei Bilzingslebener auf grausame Weise umgebracht. Das Kuriose dabei: alle drei sind nackt und ihre Mägen sind mit Apfelsaft gefüllt. Bernsen und Kohlschuetter haben dieses Mal alle Hände voll zu tun und das, obwohl Bernsen eigentlich in seinen wohlverdienten Sommerurlaub starten will. Aber wie immer kommt es anders als er denkt.

Erzählen Sie uns doch noch ein wenig zu Kindelbrück und Bilzingsleben, wo Ihr neuer Krimi spielt. Mit Verlaub: einige Leser haben davon noch nie gehört.

Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Die Stadt Kindelbrück und die Gemeinde Bilzingsleben sind hinreißende Orte an der Hainleite, umgeben von einer wunderschönen Landschaft und mit einer weit zurückreichenden Geschichte ausgestattet. So hat zum Beispiel Bilzingsleben in der Welt der Archäologen internationalen Ruhm erlangt, da dort Überreste eines Urmenschen – der homo erectus bilzingslebenensis – gefunden wurden.

Was hat Sie zu der Geschichte inspiriert?

Ein lauer Sommerabend am Forellenteich in Bilzingsleben, ein Apfelsaft zu viel und die schwelende Konkurrenz zweier Kommunen von der jede behauptet, dass sie nicht existiert.

Es ist ja nun schon der dritte Fall der beiden Kommissare Kohlschuetter und Bernsen. Haben sich denn die beiden grundverschiedenen Typen im Laufe der Zeit weiter entwickelt? So ein
Charakter entsteht ja auch erst mit der Zeit, oder?

Ja natürlich. Auch wenn ich die beiden erschaffe habe, sind sie mir anfangs natürlich fremd. Mit der Zeit jedoch bekommen die Figuren ganz automatisch eine Vergangenheit und natürlich eine Zukunft. Hinzu kommt, dass die beiden immer mehr zum Team werden, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie mögen sich und ich glaube, das wird im dritten Roman erstmals richtig deutlich.

Die Leser mag die Popularität der beiden freuen. Aber träumen Sie nicht manchmal davon, dass Sie die beiden gar nicht mehr losbekommen? Es gibt sicher Schöneres im Leben als die Beschäftigung mit einem verschrobenen Fischkopf und einem provinziellen Schürzenjäger.

„Die Geister, die ich rief..?“ Nein, ganz und gar nicht. Die beiden gehören quasi schon zur Familie. Und so lange wie die Leser und ich mich über sie amüsieren können, dürfen sie bleiben. Das ist der Vorteil von Romanfiguren, wird es langweilig, erfindet man neue.

„Äpfel und Dirnen“ ist Ihr dritter Thüringen-Krimi. Wieder entführen Sie den Leser aufs Land? Nach allgemeiner Vorstellung ist doch die Welt auf dem Land noch in Ordnung, während in der Stadt das Böse zu Hause ist.

Ich liebe das Landleben und deswegen zieht es mich immer wieder dahin zurück. Abgesehen davon gibt es in den Thüringer Dörfern mindestens genau so viele spannende Geschichten zu entdecken wie in den Städten. Und mal ehrlich, Sadomaso in Erfurt hat doch nichts Aufregendes, aber in Kindelbrück am Gründelsloch, oh là là…

Der Fußballer sagt: nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Während wir gespannt die ersten Seiten von „Äpfel und Dirnen“ aufschlagen, sind Sie gedanklich schon längst bei den nächsten Fällen. Verraten Sie uns, welches Thüringer Dorf sich Sorgen machen muss, demnächst im Mittelpunkt eines Krimis zu stehen?

Oh da schwirren so einige lauschige Plätzchen in meinem Kopf umher. Aber für ihren vierten Fall zieht es Bernsen und Kohlschuetter nach Bad Langensalza. Auf dem Mittelalterstadtfest wird eine kastrierte Leiche gefunden. Aber mehr darf ich wirklich noch nicht verraten.