Im Schatten der Heidecksburg

Aufruhr im beschaulichen Rudolstadt: Ein Mann ist während des Barockfestes aus dem Fenster von Schloss Heidecksburg gefallen. Oder wurde er gestoßen? Die Ermittlungen führen die Kommissare Bernsen und Kohlschuetter immer wieder zurück zur Burg – und mitten hinein in ein verworrenes Netz aus falscher Moral, Dünkel und Lügen. Tod auf der Heidecksburg: Hochspannung mit viel Lokalkolorit, fürstlichem Szenario und bissigem Humor.


Thüringen Krimi

Gebundenes Buch € 10,90
ISBN 978-3-95451-801-2

Gebundenes Buch € 8,49
ISBN 978-3-95451-801-2


»Die warme Septembersonne bahnte sich ihren Weg durch die Baumwipfel des Hains. Ein paar Vögel zwitscherten. Die Luft war kühl wie nach einem nächtlichen Gewitterguss. Kohlschuetter atmete tief ein und schaute sich um. Hier oben schien die Welt noch in Ordnung zu sein. So hoch über den Dächern Rudolstadts war ihm nach allem zumute, nur nicht nach Mord.«


Leseprobe

1882

Sie stand am Fenster. Zehn, vielleicht zwanzig Minuten schon. Die Sonnenstrahlen f ielen durch die bunten Glasscheiben und färbten ihr ebenmäßiges Gesicht grün, ihr schlanker, eleganter Hals schimmerte rot. In Gedanken versunken strich sie mit den Fingern zart über das im Fenster eingelassene Wappen. Der schwarze doppelköpf ige Reichsadler glänzte matt. Heute schien er ihr noch vertrauter als sonst, wie ein guter Freund, mit dem man ein Geheimnis teilt.

Sie hatte sich nach oben geschlichen, das Geländer mit beiden Händen fest umklammert, um auf der steilen Treppe den Halt nicht zu verlieren. Ihre nackten Füße hatte sie behutsam auf die Stufen aufgesetzt, dann knarrte das Holz am wenigsten, das wusste sie genau. Im Obergeschoss angekommen, war sie regungslos stehen geblieben und hatte mit angehaltenem Atem gelauscht. Nichts. Nur das wilde Rauschen der Schwarza und das Zwitschern einiger Vögel. Dann, nach einer ganzen Weile, hatte sie wieder zu atmen gewagt, nur ganz flach, denn sogar das konnte verräterisch sein. Langsam hatte ihre schmale Hand die gusseiserne Türklinke umfasst, sie mit ganzer Kraft nach unten gedrückt und die Tür zu der kleinen Wohnung vorsichtig, Millimeter für Millimeter, aufgeschoben. Die Sehnsucht schien ihr hier oben noch unerträglicher. Kalter Zigarrenrauch mischte sich mit dem schweren, süßlichen Duft des Fliederstraußes, den Ida, die gute Seele des Hauses, heute Morgen auf den Schreibtisch gestellt hatte. Ida war die Einzige, die in die Wohnung durfte, nur für die Zeit des Herrichtens, nicht mehr. Niemand sonst, nicht einmal ihr Vater, betrat das Obergeschoss. Niemals würde er es wagen. Denn keiner im Haus wusste, wann er wieder hier sein würde. Manchmal flüsterte er ihr beim Gehen ein »In zwei Tagen« oder »Bis nächste Woche« zu. Doch sie wäre lieber gestorben, als jemandem nur ein Wort davon zu erzählen. Das war Teil ihrer Abmachung, unausgesprochen, aber allgegenwärtig. Das Risiko, ihn zu verlieren, war zu groß.

Natürlich ahnte der Vater etwas. Sein Blick verriet es ihr an jedem Morgen, der auf die viel zu kurzen Nächte folgte. Doch während all der Jahre – dreizehn, da war sie sich ganz sicher – hatte er nie ein Wort darüber verloren. Er sorgte sich um sie. Und um den Ruf der Familie. Ein fürstlicher Tiergärtner war schließlich nicht irgendwer. Die Leute würden reden, wenn auch nur der geringste Verdacht aufkäme. Doch das interessierte sie nicht, wenn sie nur bei ihm sein konnte. Sie wartete auf die eine, alles entscheidende Frage. Eine Frage, die niemals kommen würde.

Leise seufzend warf sie einen letzten zärtlichen Blick auf den Adler im Fenster. Heute würde er zurückkehren, so hof fte sie, vielleicht war er sogar schon unterwegs zu ihr. Dann nahm sie den Weg, den sie gekommen war, vorsichtig, damit sie niemand hörte.


Schauplätze

Rudolstadt

Das kleine, beschauliche Rudolstadt am Knie der Saale ist etwas ganz Besonderes – in jeder Hinsicht: Ehemalige Residenzstadt, Schillers heimliche Geliebte, Hort großer und traditionsreicher Bühnenkunst, Stadt mit dem prächtigsten Barockschloss  Thüringens und zahlreicher beeindruckender Stadtpalais.

Auch fast hundert Jahre nach dem Ende des Fürstentums der Schwarzburg-Rudolstädter durchweht die Stadt ein Hauch von Größe, Noblesse und Schönheit, die nie zu vergehen scheint. Rudolstadt ist ein Geheimtipp für all jene, die der Zeit entfliehen wollen. Und eine perfekte Kulisse für Bernsen und Kohlschuetters zweiten Fall.
www.rudolstadt.de

Heidecksburg

Barockes Kleinod, Residenzschloss, Stadtkrone, architektonisches Meisterwerk – die Heidecksburg ist eine der prachtvollsten und bedeutendsten Schlossanlagen, die Thüringen zu bieten hat. Und das will bei der Fülle an Thüringer Schlössern und Burgen etwas heißen.

Auf den Resten einer Burganlage aus dem 13. Jahrhundert erbaut, war sie von 1574 bis 1918 die Residenz der Grafen und späteren Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt. Ihr heutiges Aussehen sowie Einrichtung und Ausstattung verdankt sie der im Jahr 1710 vollzogenen Erhebung der Grafen von Schwarzburg-Rudolstadt in den Fürstenstand und ihrem damit einhergehenden stärkeren Repräsentationsbedürfnis. Dass Bernsen und Kohlschuetter ausgerechnet auf der Heidecksburg eine Leiche finden, ist natürlich kein Zufall.
www.heidecksburg.de

Barockfest

Einmal im Jahr hält seine Durchlaucht Fürst Friedrich Anton von Schwarzburg-Rudolstadt auf seinem Residenzschloss Hof. Bis heute pilgern hunderte erlauchte Gäste in traumhaften Kostümen zu diesem rauschenden Fest, das ganz in der Tradition der Fürstenfamilie gefeiert wird. Und nicht Wenige sprechen dabei vom  „schönsten Barockfest Deutschlands“. Was lag da näher als...
www.barockfest-heidecksburg.de

Marktplatz und Brunnen

Der Rudolstädter Marktplatz, das Herzstück der Stadt hat sich in seiner Fläche seit dem 16. Jahrhundert nicht mehr verändert. Der Brunnen, der „Hingucker“ auf dem Markt hingegen schon. Er wurde 1859 in seiner jetzigen Form erbaut, nach einem Entwurf von Franz Junot, einem der Schwiegersöhne von Friedrich Schiller, und wurde zum 100. Geburtstag des großen Dichters eingeweiht. Dass er eine zentrale Rolle im Roman einnimmt, vor allem da er seit der grundhaften Sanierung im Jahr 2014 noch schöner ist, verstand sich also von selbst.

Schillerhaus

Schiller in Rudolstadt, das ist eine lange und überaus romantische Geschichte. So hatte der Dichterfürst im beschaulichen Städtchen zwischen zwei Schwestern zu wählen und lernte schließlich Charlotte von Lengefeld lieben. Ganz so herzig soll die erste Begegnung mit dem Kollegen Goethe, die im heutigen Schillerhaus, dem einstigen Wohnhaus der Lengefelds, stattfand nicht gewesen sein. Im Schillerhaus, das heute ein Literaturmuseum beherbergt und zu den wenigen authentischen Schillerstätten in Deutschland zählt, werden vor allem diese entscheidenden Begegnungen des Dichterfürsten näher betrachtet.  Bernsen kommt nicht einmal zur Museumskasse, Sie jedoch sollten weiter gehen.
www.schillerhaus-rudolstadt.de


Die Autorin über ihr Buch

Frau Bruns, Ihr neuer Thüringen-Krimi spielt in Rudolstadt. Dürfen Sie schon etwas verraten?

Nein! Nicht mehr, als man in der Vorankündigung lesen kann. Denn die Geschichte ist so undurchsichtig, dass ich immer
zu viel verraten würde. Nur so viel: Es geht um die Geheimnisse der Schwarzburg- Rudolstädter Fürsten, die bis heute noch ihre Schatten werfen.

Sie sind gebürtige Thüringerin, wohnen aber in Sömmerda– was verbinden Sie mit der Gegend um Rudolstadt? Was hat Sie schriftstellerisch dorthin verschlagen?

Schon beim Schreiben von „Zwei Bier und ein Mord“ schwirrte mir Rudolstadt als nächster Tatort im Kopf herum. Seit meiner Kindheit zieht es mich dorthin. Und das, obwohl ich zu dieser Gegend Thüringens eigentlich keine nähere Verbindung habe. Ich würde sagen, es gibt da eine alte emotionale Verbundenheit, worauf die auch immer beruht.

Was waren denn die ersten Reaktionen in Rudolstadt, als die Menschen erfuhren, dass bei ihnen ein Krimi spielen wird?

Freude, Überraschung, Neugier. Und ich erlebe es immer wieder, dass die Menschen stolz sind, wenn man etwas über ihre Heimat zu erzählen hat. Wie selbstverständlich stehe ich dabei natürlich
auch unter dem Druck, keine Fehler zu machen. Die Leser achten akribisch darauf, ob die Straßenecke stimmt oder
die Farbe der Haustür.

„Im Schatten der Heidecksburg“ ist nun Ihr zweiter Thüringen-Krimi nach „Zwei Bier und ein Mord“, was ja ein großer Erfolg war. Wieder ermitteln die ungleichen Kommissare Kohlschuetter und Bernsen. Dürfen sich die Leser wieder auf die – sagen wir mal – individuellen Fahndungsmethoden der beiden einstellen oder hat sich einer von ihnen weiterentwickelt?

Das Traumpaar? Die haben sich natürlich beide weiterentwickelt, als Team und auch als Einzelcharakter. Bernsen zeigt sich wieder von seiner besten Seite und hat überdies noch ein handfestes Problem mit seiner Frau, die ihn zu Hause in Bremen nicht
sehen will. Und Kohlschuetter, naja, der versucht mit schier grenzenloser Geduld seinen Kollegen für die Schönheiten Thüringens zu begeistern und braucht dafür wirklich starke Nerven.

Wie darf man sich denn die Arbeit einer Krimi-Autorin vorstellen? Wie lange dauert es, bis Sie ein Buch geschrieben haben? Wie recherchieren Sie? Erzählen Sie mal..

Einer meiner alten Lehrer hat einmal gesagt: „Schreiben heißt Leiden“. Doch das trifft es nur zur Hälfte. Den anderen Teil freue ich mich über ruhige Stunden am Schreibtisch, eine Kanne Pfefferminztee und einen schnarchenden Hund zu meinen Füßen. Manchmal kann man mich in tiefster Nacht auch lautstark lachen hören, vor allem über Bernsen. Wenn ich nichts anderes tue, also wirklich nichts außer essen und schlafen, dann ist so ein Manuskript schon mal in drei Monaten geschrieben. Wenn ich zwischendurch doch mal mit dem Hund gehe, kann es etwas länger dauern. An jedem Anfang jedoch – und auch währenddessen – steht die Recherche. Ich laufe Wege ab, fotografiere, prüfe Perspektiven, unterhalte mich mit den Menschen oder gehe – wie beim aktuellen Fall – ins Archiv. Da ich nie weiß, wo die Reise bei einer Geschichte hingeht, sieht man mich des Öfteren am Tatort.

In vielen Lesungen haben Sie in den letzten Monaten nun auch Ihre Leser persönlich kennenlernen dürfen. Wer liest Ihre Bücher?

Die Leser sind sehr unterschiedlich. Den typischen Bruns-Leser konnte ich noch nicht ausmachen. Natürlich kommen sie meistens aus Thüringen, aber bei den Lesungen hatte ich auch schon Gäste aus Niedersachsen, Bayern oder von der Nordsee.

Wissen Sie schon, wo es nach Rudolstadt hingeht? Wo ermitteln Kohlschuetter und Bernsen das nächste Mal?

Natürlich! Die beiden Kommissare verschlägt es wieder in meine Heimatregion. In Bilzingsleben/Kindelbrück geraten die beiden in eine ziemlich schlüpfrige Geschichte. Aber dazu im Frühjahr 2017 mehr.